… mit völlig freiem Willen verkauft

Staatsarchiv Hamburg, 213-13 Dessauer, Paul Nr. 2983

Der Grundstücksverwalter von Alfred (und Heinrich) Bauer, Albert Schwarke, erklärte 1949 im Entnazifizierungsverfahren seines Auftraggebers, dass dessen Erwerb von jüdischem Eigentum nicht im Zusammenhang mit der Arisierung stünde. Die bisher bekannten Wiedergutmachungsverfahren in Sachen Hoheluftchaussee 91/93 sprachen dagegen beim damaligen Verkauf von Zwang.

Am 1. April 1938 betrug die Zahl der Grundstücke, die jüdischen Menschen in Hamburg gehörten, 1.877. Im Zuge der „Entjudung“ Hamburgs begann in diesem Monat die systematische finanzielle Benachteiligung jüdischen Grundeigentums. Am 19. April 1938 wurde ihnen die Befreiung von der Grundsteuer entzogen. Am 26. April 1938 leitete die Verordnung über die Anmeldung jüdischens Vermögens deren vollständige Erfassung Grundbesitzes ein. Zum Zeitpunkt bedurfte der Verkauf noch nicht einer Genehmigung. Das Gesetz zur Änderung der Gewerbeordnung vom 6. Juli 1938 untersagte Juden den Handel mit Grundstücken sowie die Untersagung der Tätigkeit als Haus- und Grundstücksmakler.

Frank Bajohr, Arisierung in Hamburg, Hans Christians Verlag

Die in Hamburg ermittelten Grundstücksverwaltungen in jüdischer Verantwortung wurden in die Zwangsverwaltung einer neuen Grundstücksgesellschaft überführt, in die “Hamburgische Grundstücks- und Verwaltungsgesellschaft von 1938 mbH” (GVG). Die Grundstücke, für die eine Sicherungsanordnung vorlag, konnten der GVG übertragen werden. Eine staatliche Genehmigungspflicht für den Verkauf von Grundstücken (und Zwangsverkauf) wurde mit der Verordnung über den Einsatz von jüdischen Vermögens am 3. Dezember 1938 eingeführt. Jeder bei der GVG eingereichte Kaufvertrag wurde in Hamburg dem Gauwirtschaftsberater zur Begutachtung und Kommentierung vorgelegt. 

Auch in den Verkauf der Hoheluftchaussee 91 war nachweislich die GVG einbezogen. Am 9. Dezember 1938 schreibt die GVG an den Oberfinanzpräsidenten, dass sie die Anordnung über eine Sicherheitsanordnung für die Hoheluftchaussee 91 erhalten habe.

Staatsarchiv Hamburg, 314-15 David, Elfriede Nr. R 1938/2466

Das Haus wurde erst am 22. Dezember 1938 verkauft. Im Kaufvertrag wird in § 3 Punkt f. festgehalten, dass die Genehmigung des Vertrages von Auflagen abhängig gemacht werden könne.

Erpressung hat verschiedene Gesichter!

Die Grundstücksverwaltung der offenen Handelsgesellschaft Heinrich Bauer, Albert Schwarke, übernahm die Häuser im Eppendorfer Weg 221, Hoheluftchaussee 91 bzw. 93 und wickelte den Zahlungsvorgang ab. Das alles ordnungsgemäß und ohne Zwang erfolgte, erklärte Schwarke 1949. Doch die vorliegenden Dokumente aus dem Hausverkauf verdeutlichen das wissentliche Vorgehen um die Erpressung der jüdischen Eigentümer. So schreibt Schwarke im Fall des Verkaufs von Paul Dessauer (Eppendorfer Weg 93), dass sie den Restbetrag aus dem Erwerb auf das Sperrkonto von Paul Dessauer überwiesen haben, dabei wurden noch einmal 4.000 RM abgezogen für einen so genannten „Sozialfonds“ der Nazis. Im Kaufvertrag kommt diese Summe nicht vor.

Staatsarchiv Hamburg, 314-15, Dessauer, Paul Nr. R 1938/3623

In einem weiteren Schreiben an den Makler von Elfriede und Bernhard David, Eppendorfer Weg 91,, werden vom Kaufpreis noch einmal 14.000 RM abgezogen. Der Grund: „Verzicht … zu Gunsten des Erwerbers.“

Staatsarchiv Hamburg, 314-15 David, Elfriede Nr. R 1938/2466

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