„Arisierungs“-Gewinner

Mit der “Arisierung” im faschistischen Deutschland verfolgten die Nazis das Ziel der Verdrängung und später der Existenzvernichtung von Jüdinnen und Juden. Bis 1939 wurden ca. 1.500 »jüdische« Unternehmen freiwillig oder gezwungenermaßen liquidiert oder an »arische« Erwerber verkauft. In Hamburg wechselten Hunderte von Liegenschaften den Besitzer oder wurden unter Zwangsverwaltung gestellt. Und Hamburger Kaufleute haben sich daran bereichert.

In Hamburg wurden nach der Reichsprogrom-Nacht im November 1938 alle noch im jüdischen Besitz befindlichen Unternehmen und Immobilien erfasst. Das Ziel war, die Arisierung dieses Besitzes bis 1939 abgeschlossen zu haben.

Foto: Das Altsterhaus wurde “arisiert”

Nach Schätzungen waren bis 1938 rund 30 Prozent der Jüdinnen und Juden auf diesem Wege enteignet worden. 1938/39 gab es einen regelrechten Bereicherungswettlauf. Allein Anfang Dezember 1938 wurden rund 200 jüdische Einzelhandelsgeschäfte geschlossen. Um die verbleibenden 100 Geschäfte hatten sich mehr als 1.800 Personen (!) beworben. In wenigen Monaten wechselten insgesamt 1200 jüdische Unternehmen in Hamburg ihre Besitzer. Es gab auch rein praktisch keine anderen Handlungsspielräume mehr für jüdische Eigentümer. Viele waren ja nach dem Novemberprogrom 1938 verhaftet und in Konzentrationslager eingeliefert worden. Ihnen wurde nur ein Bruchteil des tatsächlichen Wertes ihrer Unternehmen vergütet.

Frank Bajohr, “Arisierung” in Hamburg, Hans Christians Verlag, 1997

Parallel zur Liquidierung von Unternehmen forcierten die Finanzbehörden einen finanziellen Enteignungsprozess der jüdischen Besitzer durch Steuern (u. a. »Reichsfluchtsteuer«) und Zwangsabgaben (»Judenvermögensabgabe«, Auswanderungsabgabe), die im Falle der Emigration zu einer nahezu vollständigen Ausplünderung führten. Seit 1936/37 erließ die Devisenstelle der Oberfinanzdirektion Hamburg verstärkt »Sicherungsanordnungen« für die Konten und den Besitz der Hamburger Juden. Sie konnten nur noch mit behördlicher Genehmigung über ihre Vermögenswerte verfügen. Bis November 1939 wurden in Hamburg 1.372 dieser Sicherungsanordnungen erlassen. So erging es auch Paul Dessauer (Hoheluftchaussee 93) Elfriede David (Hoheluftchaussee 91) oder Ernst Salis Fraenkel (Löwenstraße 24/30).

Von 1938 bis 1945 haben sich Zehntausende Hamburger am Eigentum ihrer knapp 17000 jüdischen Mitbürger bereichert. Ungeniert kassierten sie Firmen und Grundstücke ihrer jüdischen Nachbarn ein. Und fast täglich besuchte die ganz normale Bevölkerung Versteigerungen, auf denen Sofas, Sessel und Diwane deutscher, aber auch holländischer, französischer und belgischer Juden verhökert wurden. Der Historiker Frank Bajohr schätzt, dass insgesamt etwa 100.000 Hamburger Bürger/innen daran beteiligt waren. Am Ende des Krieges dürfte demnach in fast jedem zweiten Hamburger Wohnzimmer Mobiliar aus jüdischem Besitz gestanden haben. Die Nazis hatten unterdessen die ursprünglichen Eigentümer in Auschwitz und Treblinka vergast. Und nachher will niemand davon gewusst haben?

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