Bauer erwirbt jüdische Immobilien

Die englischen Besatzungsbehörden wollten 1949 der leichtfüßigen Darstellung von Alfred Bauer im Entnazifizierungsverfahren offenbar nicht so einfach entsprechen. „Besonders musste der Grund seiner plötzlichen Einkommenssteigerung festgestellt werden. Diese Einkommenssteuerung ist zum großen Teil auf den Erwerb der Grundstücke zurückzuführen“, heißt es in den Dokumenten.

Staatsarchiv Hamburg, 352-8/9 Alfred Bauer Nr. 3309

Hatte er als angestellter Verlags- und Druckereileiter 1933 ein Jahreseinkommen in Höhe von 27.968 RM, so lag es lt. dieser Erklärung im Jahr 1937 bereits bei 261.056 RM. Und nur zwei Jahre später, 1939, war es auf 388.332 RM angewachsen. Allerdings variieren die Summen zwischen 1931 und 1947 sehr stark.

Staatsarchiv Hamburg, 352-8/9 Alfred Bauer Nr. 3309

Der immense Vermögenzuwachs von Alfred Bauer zwischen 1936 und 1938 geht nach Bauers Angaben auf den Immobilienerwerb 1938/1939 von acht Häusern zurück.

Staatsarchiv Hamburg, 352-8/9 Alfred Bauer Nr. 3309
Staatsarchiv Hamburg, 352-8/9 Alfred Bauer Nr. 3309

Die Grundstücksverwaltung von Alfred (und Heinrich) Bauer, Albert Schwarke & Sohn, schrieb am 30. April 1949 für das Entnazifizierungsverfahren, dass alle Grundstücke von den Eigentümer nach „freien Willens“ verkauft wurden und „nicht im Wege der Arisierung oder politischen Drucks“. Eine dreiste Lüge!

Staatsarchiv Hamburg, 352-8/9 Alfred Bauer Nr. 3309

Paul Dessauer verkaufte z.B. sein Haus in der Hoheluftchaussee 93 für 35.000 RM in „bar“ an Alfred Bauer. In einem Schreiben an die Oberfinanzdirektion Hamburg wird aufgelistet, was davon auf das Sperrkonto von Paul Dessauer überwiesen wurde und was anderweitig noch in Abzug gebracht wurde: „Verzichtssumme zu Gunsten des Käufers, die dieser als Spende an den Sozialfonds des Herrn Reichsstatthalter …. einbezahlt hat 4.000 RM“. Diese Summe war nicht im Kaufvertrag aufgeführt, so dass man vermuten kann, dass Schwarke um das erpresserische Vorgehen der Nazis wusste.

Staatsarchiv Hamburg, 314-15 Dessauer, Paul Nr. R 1938/3623

Im Kaufvertrag erklärt Alfred Bauer „an Eidesstatt, dass er, sowie alle an der offenen Handelsgesellschaft Heinrich Bauer beteiligten Gesellschafter arischer Abstammung sind, und das ihm bekannt ist, dass er sich strafbar macht, falls diese Angabe unrichtig ist.“

Staatsarchiv Hamburg, 314-15 David, Elfriede Nr. R 1938/2466

Es gab u.a. durch die Nazis in Hamburg 1938 eine Anordnung über die Erfassung noch jüdischer Geschäfte und Wohnungseigentums. Bis 1939 sollte dies alles „arisiert“ worden sein. Schwarke und Alfred Bauer wussten z.B. von der Sicherheitsanordnung der jüdischen Eigentümer, kannten die Zwangslage der Verkäufer. Im Kaufvertrag für die Hoheluftchaussee 91 wird auf Seite 8/9 auf den § 15 der Verordnung des Reiches vom 3. Dezember 1938 verwiesen, dass der Kauf der Zustimmung durch den Nazi-Staat bedarf, um das „Arisierungsziel“ zu erreichen.

Der seit 1931 für Alfred Bauer tätige Wirtschaftsberater und Steuerberater von Alfred Bauer, Wilhelm Bräuer, bescheinigt ihm ebenfalls am 30. April 1949, dass er ”nicht den Eindruck gehabt hätte, dass die Firma Bauer in irgendeiner Weise die Notlage jüdischer Auswanderer missbraucht hätte.“ Und ergänzt, als ob er sich distanzieren müsste: “Über die Grundstückskäufe … im Einzelnen bin ich nicht unterrichtet” gewesen. “Paul Dessauer war vielmehr glücklich, einen Käufer gefunden zu haben.” Diese Darstellung gegenüber den Behörden erscheint mehr als zynisch.

Staatsarchiv Hamburg, 352-8/9 Alfred Bauer Nr. 3309

Bauers Hausverwalter, Schwarke, schreibt am 3. März 1939, dass der Betrag für den Kauf des Hauses Hoheluftchaussee 91 auf ein Sperrkonto gezahlt wurde. Auch später schreibt er an die Oberfinanzdirektion, ob er Beträge aus dem Kaufvertrag an die Verkäufer auszahlen muss.

Staatsarchiv Hamburg, 314-15 David, Elfriede Nr. R 1938/2466

Zumindest nach Aktenlage wurde der Umstand des Erwerbs jüdischen Eigentums bei fünf Häusern nach 1945 nicht weiter überprüft. Es scheint, dass den Angaben des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Alfred Bauer und seiner Geschäftspartner auch aus der NS-Zeit geglaubt wurde. Zum Zeitpunkt des Entnazifizierungsverfahrens von Alfred Bauer liefen Rückerstattungsverfahren beim Amt für Wiedergutmachung. Daraus hätte sich ergeben, dass wenigstens im Fall der Hoheluftchaussee 91 und 93 von Zwang auszugehen wäre.

Fanny Goldschmidt war Jüdin

Heute würden die Behörden vermutlich zu einem anderen Ergebnis kommen bzw. wären die Angaben von Alfred Bauer und seinem Wirtschaftsberater genauer überprüft worden. Es wären wenigstens Widersprüche aufgefallen. So wäre vermutlich der Kauf des Grundstücks von Fanny Conradine Goldschmidt nicht genauer unter die Lupe genommen worden. Die Jüdin war bereits 1923 verstorben, der Kauf durch Bauer erfolgte 1933/1934, aber Alfred Bauer gibt 1949 “Fanny Goldschmidt” als Verkäuferin an.

Die Hintergründe der Aufkäufe sind offensichtlich: Mit dem Erwerb der Häuser und Grundstücke verfügten die Bauers über sichere Einnahmen, ihr Vermögen wurde in Immobilien angelegt. Dazu kamen noch die Mieteinnahmen, allein in der Hoheluftchaussee 91 betrugen sie im Jahr 1938 stolze 30.771,20 RM, wie die Aufstellung zeigt.

Staatsarchiv Hamburg, 314-15 David, Elfriede Nr. R 1938/2466

Paul Dessauer war Jude

Paul Dessauer (Hoheluftchaussee 93) spricht in seinem Antrag auf Wiedergutmachung nach 1945 von “Zwang” beim Verkauf des Grundstücks.

Elfriede David war Jüdin

Im Fall der Hoheluftchaussee 91 verlief das ebenso. Die bisherigen vier Eigentümer, Bernhard und Elfriede David, Else und Leopold Lampert mussten ihr Haus verkaufen. Ihre Kinder konnten mit dem Geld fliehen, ihre Eltern überlebte den Nazi-Terror nicht.

Auch die Witwe von Konsul Eduard Wolff (Schöne Aussicht 22) forderte nach 1945 eine Entschädigung vom Staat und wegen des Zwangsverkaufs eines ihrer Grundeigentume ihr Recht ein.

Ernst Salis Fränkel war Jude

Ernst Salis Fraenkel war als Jude auf der Flucht und hatte sein Grundstück in der Löwenstraße 24 – 30 ebenfalls an Alfred Bauer verkauft. Die Akten von Ernst Salis Fraenkel umfassen 600 Seiten und verdeutlichen die perfiden Methoden, um von der Judenverfolgung im NS-Staat zu profitieren.

Beeindruckende Unternehmerhaltung von Ernst Salis Fränkel (Löwenstr.24/30)

Fraenkel beeindruckt zudem durch seine menschliche Haltung: Bevor ihm 1938 die Flucht nach England gelang, hatte er ein vertragliches Konstrukt ausgearbeitet, damit das Unternehmen fortbestehen konnte, und die dort Angestellten nicht sofort arbeitslos wurden.

Staatsarchiv Hamburg, 314-15, Fraenkel, Ernst Salis R 1938/515

Die britische Militärregierung in Hamburg prüfte 1949 den Vorgang Fraenkel nicht groß, da es keinen Vermerk gab, ob es sich um ehemals jüdisches Eigentum handelte.

Alfred Bauer kaufte 1938 ein jüdisches Unternehmen im Rahmen der „Arisierung“

1938 kaufte Alfred Bauer nicht nur zwei Häuser in der Hoheluftchaussee 91 und 93, er übernahm auch vom Juden Paul Dessauer dessen Unternehmen, das Kaufhaus Hoheluft (KaHo). Im Entnazifizierungsverfahren 1949 gibt er an, das das KaHo von der Walter Krentz KG übernommen wurde, an dem das Bauer Unternehmen beteiligt war.

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