Die Entnazifizierung von Alfred Bauer

Am 14. Januar 1946 musste Alfred Bauer einen Fragebogen ausfüllen, um seine Verstrickungen zum NS-Regime darzulegen. Er gab an, seit 1940 in der NSDAP gewesen und von der NSDAP auch aufgenommen worden zu sein. Er sei eingetreten, um das Familienunternehmen zu retten. „Durch häufige Nachfragen nach der politischen Zugehörigkeit der Inhaber unseres Betriebes wurde uns immer wieder vor Augen geführt, dass unsere Nichtzugehörigkeit zur Partei als Anlass benutzt wurde, uns Schwierigkeiten zu machen. … Im Jahre 1940 blieb mir nichts anders übrig, als in die Partei einzutreten, als ich aus den dauernden Angriffen gegen unsere Firma sah, dass sonst der Betrieb in irgendeiner Form uns entzogen oder stillgelegt werden würde.“

Staatsarchiv Hamburg,
135-4_39 Erteilte Zeitschriftenlizenz Nr. 39 Band 212

Besondere Überprüfung in den Medien bei der Lizenzvergabe nach 1945

Zu den gesellschaftlichen Bereichen, die nach Auffassung der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg unbedingt von nationalsozialistischen Einflüssen gesäubert werden mussten, gehörten neben Politik, Ökonomie, Justiz, Polizei und Kultur auch die Medien. Wie bei der gesamten Entnazifizierung waren auch hier die Ziele zunächst äußerst ambitioniert. Mitglieder der NSDAP oder Nutznießer des NS-Regimes, so steht es in einem Handbuch für die britische Besatzungszone zur Informationskontrolle, sollten vom Erhalt einer Zeitungslizenz ebenso ausgeschlossen sein, wie von einer Anstellung in den neu zugelassenen Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten.

Alfred Bauer wurde am 5. Mai 1949 ein „Entlassungsschein“ für die Kategorie V ausgestellt. Kategorie V bedeutete Entlastung, weil er nachgewiesen hatte, dass er nicht schuldig war.

Staatsarchiv Hamburg,
135-4_39 Erteilte Zeitschriftenlizenz Nr. 39 Band 212

Adam Remmele, der in Hamburg einem Entnazifizierungsausschuss vorstand, schrieb im November 1946 in einem Kommentar im „Hamburger Echo“, dass in Hamburg lediglich 8 Prozent der im Zuge der Entnazifizierung überprüften Personen aus ihren Positionen entfernt worden waren. „Und dann gibt es Menschen, denen der ganze Kram nicht passt: Solange die Entnazifizierung sich nur gegen die Beamtenschaft richtete, hörte man selten abfällige Urteile. Sobald aber die Reihe an die Geschäftswelt kam, an die Handwerksmeister, an selbstständige Kaufleute und an die freien Berufe, an Künstler und Schriftsteller, …schrie man Zetermordio.“

Nach heutigem Recherche-Stand kann man sagen, das Alfred Bauer die Angaben zu seiner Person, hier den Erwerb von Immobilien-Eigentum unvollständig oder falsche Angaben gemacht hat. Da es kein Strafverfahren war, sondern es um eine Art politische „Reinwaschung“ auch für das Lizenzverfahren zur „Neuen Funk-Wacht“ ging, sind antisemitische Zusammenhänge verschleiert worden, obwohl es bei der Entnazifizierung genau darum ging. Es gibt mehr Häuser, die die Heinrich Bauer OHG in der NS-Zeit erworben hat. Was der Grund war, weshalb sie Alfred Bauer nicht aufgeführt hat, ist zurzeit nicht klar.

Grundlagen der Entnazifizierung

Grundlage für die Entnazifizierung waren die auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 gefassten Beschlüsse sowie die der Potsdamer Konferenz vom August 1945. Die gemeinsame Zielsetzung der Entnazifizierung sollte durch ein Maßnahmenbündel erreicht werden, das unter anderem aus einer umfassenden Demokratisierung und Entmilitarisierung bestand. Das wichtigste Ziel war die Auflösung der NSDAP und der ihr angeschlossenen Organisationen.

In den Westzonen beschränkte sich die Entnazifizierung im Wesentlichen auf eine umfassende politische Personalsäuberung, bei der die Wirtschaftsstruktur im Gegensatz zur sowjetischen Zone im Großen und Ganzen unangetastet blieb. Die Amerikaner gaben die Richtung vor, der die Briten und Franzosen zeitverzögert mehr oder weniger folgten. Während bei den Amerikanern die Entnazifizierung den Grundpfeiler der Besatzungspolitik darstellte, kam ihr in der britischen und französischen Zone eine weitaus geringere Bedeutung zu.

In den drei Westzonen wurde über die 2,5 Millionen Deutschen, deren Verfahren bis 31. Dezember 1949 durch die überwiegend mit Laienrichtern besetzten Spruchkammern  entschieden war, wie folgt geurteilt:

  • 54 % wurden als Mitläufer eingestuft,
  • bei 34,6 % wurde das Verfahren eingestellt,
  • 0,6 % wurden als NS-Gegner anerkannt,
  • 1,4 % galten als Hauptschuldige und Belastete (Schuldige).

Viele der tief in die NS-Zeit verstrickten Mitläufer konnten in der Bundesrepublik Deutschland nach 1949 unbehelligt Karriere machen. Mit Persilscheinen, die ihnen von (mutmaßlichen) Opfern für die beurteilenden Kommissionen und Spruchkammern ausgestellt wurden, gingen sie in die Politik, Justiz, Verwaltung, Polizei und an die Universitäten zurück; oft auch unter falschem Namen und häufig unter Mithilfe der Netzwerke alter Kameraden oder von „Seilschaften“. So waren zeitweise in den 1950er-Jahren mehr als zwei Drittel der leitenden Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes ehemalige Mitglieder der SS. Verstärkt wurde dieses Scheitern einer tatsächlichen Aufarbeitung der NS-Zeit dadurch, dass die amerikanische Außenpolitik ab 1946 ihren Fokus gegen die Sowjetunion setzte. Und die Briten hatten vornehmlich pragmatische Absichten für einen möglichst raschen und reibungslosen Wiederaufbau.

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