Eine Jude kämpft um Wiedergutmachung

Alfred Bauer kaufte zwischen 1936 und 1938 u.a. Grundstücke und Häuser von jüdischen Bewohnern Hamburgs. So auch von Paul Dessauer für 90.000 RM die Hoheluftchaussee 93 und die Hoheluftchaussee 91 für 195.000 RM von Davids und Leopolds. Den Erben von Konsul Eduard Wolff kaufte er die Schöne Aussicht 22 für 75.000 RM. Ernst Salis Fraenkel verkaufte ihm die Löwenstr. 23/30, der nach England geflohen war. Sie alle wurden als Juden von den Nazis verfolgt. Der Verkauf von Eigentum war für sie die vermutlich einzige Überlebenschance, in dem sie Deutschland mit Hilfe des Geldes aus den Verkäufen verlassen konnten.

In Hamburg lebten vor der Machtübernahme durch die Nazis 1933 rund 30.000 Juden. Nach der Befreiung Hamburgs durch die Engländer war es nur noch einige hundert.

Paul Dessauer konnte in die USA emigrieren

StaatsarchivHamburg 314-15 Dessauer, Paul Nr. R 1938/3623

Dessauers Hausverkauf erfolgte unter Zwang

Paul Dessauer verkaufte am 28. Dezember 1938 Haus und Grundstück am Eppendorfer Weg 221/Hoheluftchaussee 93 an Alfred Bauer. Während viele Mitglieder seiner Familien später von den Nazis ermordet wurde, hatten er und seine Frau das Glück, in die USA flüchten zu können, bevor dieser Weg durch Grenzschließung für Juden versperrt war.

Helene Littmann emigrierte im Mai 1940 über die Sowjetunion und Japan in die USA. Sie hatte im Februar 1939 Paul Dessauer, geb. am 12.2.1882 in Oschersleben, geheiratet.

Paul Dessauer unterstützte seine Schwiegereltern, Minna und Mayer Littmann bis zu seiner Auswanderung 1940 mit 250 RM monatlich. Er hatte ein Warenhaus in Hoheluft betrieben, war aber wegen angeblicher „Rassenschande“ inhaftiert worden. Mit der Auflage, das Deutsche Reich umgehend zu verlassen, wurde er vorzeitig aus dem KZ entlassen. Am 18. Juli 1940 kamen Paul und Helene Dessauer in San Francisco an. Seine Schwiegereltern, Minna und Mayer Littmann, wurden am 15. Juli 1942 über die Schule Schanzenstraße nach Theresienstadt deportiert. Minna starb am 31. August 1942 im Ghetto. Mayer Littmann wurde am 18. Dezember 1943 in Auschwitz ermordet.

Nach dem Krieg, am 25. Juli 1947, wendete sich Paul Dessauer über seine Rechtsvertretung an die Oberfinanzdirektion Hamburg und machte erstmals seine Ansprüche gegenüber dem Staat geltend. Am 7. November 1949 stellte er einen Antrag an das Zentralamt für Vermögensverwaltung in der britischen Besatzungszone in Bad Nenndorf auf Wiedergutmachung. Die Nazis hatten für seine Emigration in die USA eine so genannte Reichsfluchtsteuer und eine so genannte Judenabgabe erhoben: Für Beschlagnahme seines Eigentums wie für die Kosten der Überfahrt in die USA. Zusammen waren es rund 94.000 RM. Im Schreiben führte Dessauer aus: „Ich wurde meiner Freiheit beraubt …: Sechs Monate Konzentrationslager Oranienburg; Haft in Hamburg wegen angeblicher ‚Rassenschande‘ vom 17. 03. 1939 bis 14.04.1940.“

Staatsarchiv Hamburg, 213-13 Dessauer, Paul Nr. 2983

Am 17. Februar 1950 erhält der damals 51-jährige Druckerei- und Verlagsbesitzer, Alfred Bauer, einen weiteren Antrag auf Rückerstattung des Grundstücks der Hohenluftchaussee 93. Da er es nach Kauf des Hauses auch auf seine Frau Gertrud übertragen hatte, ist auch sie Gegenstand des Verfahrens.

Staatsarchiv Hamburg, 213-13 Dessauer, Paul Nr. 2983

Am 17. Februar 1950 wird das Verfahren gegenüber dem Grundbuchamt eröffnet. Das Grundstück soll rückerstattet werden und im Grundbuch entsprechend geändert werden.

Staatsarchiv Hamburg, 213-13 Dessauer, Paul Nr. 2983

Alfred und seine Frau, Gertrud Bauer, wehren sich gegen diese Ansprüche: „Das Grundstück Hoheluftchaussee 93 ist durch Kriegswirkung völlig zerstört. Die Antragsgegnerin hat mit einem Kostenaufwand von DM 60.000,- auf dem Grundstückbaulichkeiten zum Betrieb eines Ladens errichtet.“ Weiter macht Bauers Anwalt geltend, dass der Veräußerungspreis 90.000 RM betrug, von dem 35.000 RM an den Verkäufer gingen und für die Rest Hypotheken übernommen wurden. In der mündlichen Verhandlung zieht der Bauer-Anwalt seine Linie klar: „Es fragt sich nun, welchen Betrag der Berechtigte an den Verpflichteten im Fall der Rückerstattung herausgeben müsste“, um weitere Berechnungen zu Lasten von Paul Dessauer aufzumachen.

Staatsarchiv Hamburg, 213-13 Dessauer, Paul Nr. 2983

Am 30. Juni 1952 kommt es vor dem Amtsgericht zu einem Vergleich und Paul Dessauer erhält von Alfred Bauer einen Betrag von 9.000 DM. Am 20. Juni 1953 stirbt Paul Dessauer, seit Juni 1950 war er schwer erkrankt.

Staatsarchiv Hamburg, 213-13 Dessauer, Paul Nr. 2983

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