Es wird bei Bauer geschrieben und gedruckt, was sich verkaufen lässt – auch braune Soße

Der rassistisch motivierte Mordanschlag auf zwei türkische Familien in Mölln im November 1992 hat die Gesellschaft nachhaltig erschüttert. Zwei Neonazis schmissen damals Molotowcocktails. Zwei Mädchen und ihre 51-jährige Großmutter kamen ums Leben. Beide Männer wurde zu Haftstrafen verurteilt, sind mittlerweile wieder aus dem Gefängnis entlassen. Schon damals fragten sich viele: Wie konnte das möglich sein? Hätte man das verhindern können? 

Ende Mai 1993 ein weiterer Anschlag auf türkische Familien, diesmal in Solingen: Wieder greifen Neonazis ein Haus an, kippen Benzin aus. Fünf Frauen und Kinder sterben. Sie ersticken, verbrennen. Wieder fragt sich die Gesellschaft: Wie kann das sein? Warum sind Menschen so? Auch im Hamburger Bauer Verlag waren damals viele Beschäftigte zutiefst betroffen. Sie fühlten sich konkret betroffen, weil „Praline“-Chefredakteur Jürgen Köpcke immer wieder hetzerische Kommentare gegen Menschen mit Migrationsgeschichte veröffentlicht hatte.

„Unter dem Titel ,Wollen Bürger Taten sehen’ Schein-Asylanten ab nach Hause aber schnell!“ fordert Köpcke nach Verabschiedung des neuen Asylgesetzes ein hartes Durchgreifen. „Das neue Gesetz in nun also da. Und nun auch bitte dalli! Dass sich umgehend etwas ändert, das wollen wir Bürger jetzt ruckzuck vor der eigenen Haustür sehen, wo die vielen Asylunterkünfte bitte zügist geleert, gesäubert und für deutsche Zwecke umgewidmet und umgebaut werden! … Es wurde (viel zu lange) debattiert, nun wurde beschlossen und ab sofort wird GEHANDELT (sic!)! …“ (Aus dem Buch „Rechter Terror in Deutschland“)

Die Beschäftigten gehen zu ihrem Betriebsrat und der fordert in einen Offenen Brief an die Geschäftsleitung, den Chefredakteur zu stoppen: „Das kommt dem Aufruf gleich, weiterhin Anschläge auf Flüchtlingsheime zu machen. Was ist das anderes als geistige Brandstiftung?“ Eine Antwort gibt es nicht, doch gegenüber der Zeitung taz reagierte das Unternehmen mit den Worten: „Wenn Sie Fragen haben, schicken Sie sie uns bitte schriftlich zu.“

Die taz veröffentlicht am 16. Juni 1993 einen Artikel dazu mit der Überschrift: „Braune Soße im Bauer Verlag“. Es kommt auch zu einer Protestkundgebung vor dem Hamburger Verlagsgebäude. Es besteht weiterhin die Sorge, dass sich durch die Kommentare von Jürgen Köpcke weitere Neonazis ermutigt fühlen können, Unterkünfte anzugreifen und Menschen umzubringen. Doch auf einer Betriebsversammlung im Bauer Verlag wird seitens der Geschäftsleitung in nüchternem Geschäftsdeutsch dargelegt, dass Bauer nur das, was sich auch verkaufen lassen, gedruckt und geschrieben würde. In einer Stellungnahme der Gewerkschaft IG Medien heißt es danach unter anderem: „Ist dies ein Freifahrtschein für die Verbreitung rechtsradikalen und rassistischen Gedankenguts?“ (Quelle: taz). In dem Buch „Rechter Terror in Deutschland“, in dem die Entwicklung von Gewalttaten durch Neonazis systemaisch aufgezeigt wird, werden die verbalen Umtriebe des Chefredakeurs Köpcke ebenfalls aufgegriffen.

Autor Olaf Sundermeyer schreibt dazu unter anderem: “ … Köpcke darf weitermachen. Zwar habe es ein ,langes Gespräch’ zwischen Verleger Heinz Bauer und Jürgen Köpcke gegeben. Aber: Keine Abmahnung, keine Trennung, nur eine mündliche Ermahnung. Dabei hatte Verleger Bauer nach den Morden von Mölln noch im Oktober des Vorjahres nach den Morden von Mölln zu Lichterketten aufgerufen und damit seine persönliche Betroffenheit zum Ausdruck gebracht.“ 

Die Zeitschrift Praline, die der SPIEGEL einmal als „Polit-Porno“ bezeichnet hat, weil sie neben eindeutig rechtsradikalen politischen Kommentaren vorwiegend heterosexuelle Sex-Illusionen anbot, gibt es heute nicht mehr. Sie wurde von Bauer 2006 als gedrucktes Heft eingestellt und die bis dahin noch weiter geführte Onlineseite 2014 verkauft. Auf praline.de werden aber auch heute noch kostenpflichtige Zugänge zu Live-Kameras weiblicher Porno-Darstellerinnen angeboten.

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